Es gehört zu den bleibenden Konstanten des modernen Steuerstaates, dass er seine moralischen Durchhaltesprüche am liebsten dort ansetzt, wo der Bürger Zuflucht vor ebendiesen Sprüchen sucht. Die jüngste Debatte um eine drastische Erhöhung der Spirituosensteuer um zwanzig Prozent ist dafür ein glänzendes Exempel. Wenn der Haushaltsplan der Republik Löcher aufweist, die sich mit herkömmlicher budgetärer Vernunft nicht mehr stopfen lassen, schlägt traditionell die Stunde der fiskalischen Sittenwächter. Das Angenehme für den Finanzminister: Man kann die leere Kasse plündern und sich gleichzeitig das Gewand des gesundheitspolitischen Philanthropen überwerfen.
Das Argumentarium ist so alt wie die Destillation selbst. Es geht, so raunen es die Sprechzettel der Ministerien, um den „Lenkungseffekt“. Ein schönes Wort aus dem Baukasten der bürokratischen Bevormundung. Man möchte den Bürger nicht etwa schröpfen; man möchte ihn sanft, aber bestimmt an die Hand nehmen und vom herben Pfad des Hochprozentigen weglocken. Der Staat geriert sich als besorgter Hausvater, der die Preise anhebt, damit die Familie gesund bleibt. Dass dieser väterliche Fürsorgeinstinkt rein zufällig exakt in jenem Moment erwacht, in dem Milliardenlöcher im Etat klaffen, ist eine Pointe, die man in den Amtsstuben vermutlich für ein Sakrileg hält.
In Wahrheit beobachten wir hier eine fundamentale Verschiebung im Verhältnis zwischen Staat und Individuum. Der Genuss – und ja, auch der gelegentliche, melancholische Exzess – wird schrittweise aus der Sphäre der privaten Autonomie in die Sphäre der staatlichen Bewirtschaftung überführt. Wer sich am Abend ein Glas feinen Single Malt oder einen klassischen Digestif gönnt, tut dies im Jahr 2026 nicht mehr nur auf eigene Rechnung und Gefahr. Er wird zum unfreiwilligen Sanierer der Infrastruktur, zum flüssigen Sponsor maroder Brücken und digitaler Wüsten. Jeder Schluck ein Baustein für das Gemeinwesen; der Tresen mutiert zum ausgelagerten Finanzamt.
Besonders pikant wird die Angelegenheit, wenn man die soziale Asymmetrie dieser Maßnahme seziert. Den wohlhabenden Connaisseur, der seine Flasche raren Cognacs im Fachhandel erwirbt, wird die Teuerung kaum schmerzvoll berühren. Ihn kostet die staatliche Lenkung maximal ein amüsiertes Achselzucken. Getroffen wird, wie so oft, die breite Basis der Gesellschaft – jener Raum, in dem der Schnaps eben keine akademische Geschmacksstudie ist, sondern das simple, unprätentiöse Mittel, um nach einer harten Schicht die Schwerkraft des Alltags für ein paar Stunden zu dimmen. Dem kleinen Mann wird das Vergessen verteuert, während die großen fiskalischen Fehlkalkulationen unangetastet bleiben.
Die Ironie dieser Politik liegt auf der Hand: Sie erzeugt genau das Gegenteil von dem, was sie zu bekämpfen vorgibt. Historische Präzedenzfälle zeigen unmissverständlich, dass drakonische Abgaben auf Genussmittel selten zur kollektiven Abstinenz führen. Sie verlagern den Markt lediglich in die Grauzonen, stimulieren den organisierten Schmuggel oder treiben die Konsumenten in die Arme minderwertiger Ersatzstoffe. Der Staat riskiert also nicht nur den Unmut seiner Bürger, sondern untergräbt im schlimmsten Fall die eigene Kontrollfunktion – alles für das kurzfristige Vergnügen, ein Loch im Haushaltsentwurf mit den Einnahmen aus dem Promille-Konsum zu stopfen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der Fiskus an der Bar ein denkbar schlechter Stammgast ist. Er trinkt selbst nicht, verdirbt den anderen die Laune und verlangt am Ende des Abends die Hälfte des Deckels für Aufgaben, die er tagsüber schlecht verwaltet hat. Wenn die Steuerpolitik endgültig zur moralischen Erziehungsanstalt mutiert, verliert sie ihre letzte ökonomische Glaubwürdigkeit. Man sollte den Bürgern ihren Gin überlassen und die Haushaltslöcher dort stopfen, wo sie entstehen: in den ausufernden Strukturen der Bürokratie, nicht im Glas an der Theke.
Hochachtungsvoll,
Ihr


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