Man betrachte das Jahr 1873. Während in den Hinterzimmern der europäischen Machtzentren die Weltkarte neu gezeichnet wurde und die industrielle Revolution ihre rußigen Finger nach der Seele des Proletariats ausstreckte, ereignete sich in Bristol eine stille, fast harmlose Revolution in Zartbitter. Die Familie Fry, Betreiber der damals größten Schokoladenfabrik der Welt, goss die erste Schokolade in die Form eines Eies. Ein profaner Akt, möchte man meinen. Und doch war es die Geburtsstunde einer kulturellen Obsession, die das Sakrale endgültig in das Korsett des Kommerzes presste.
Vor diesem Moment war das Ei ein Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit, ein hartgekochtes Relikt archaischer Riten. Mit der Erfindung der Frys wurde es zu etwas anderem: Es wurde hohl. Es ist eine fast schon schmerzhaft treffende Metapher für die Moderne, dass wir das Symbol der Entstehung des Lebens durch eine essbare Leere ersetzten. Wir feierten nicht mehr den Kern, sondern die Hülle. Dass Cadbury nur zwei Jahre später auf den Zug aufsprang, war lediglich die Bestätigung, dass die industrielle Neugier keine Pausen kennt, wenn es darum geht, die Sehnsucht der Massen in Zucker zu gießen.
Vom Logenplatz aus betrachtet, ist das Schokoladenei das perfekte Artefakt des Welttheaters. Es spiegelt unsere Unfähigkeit wider, das Mysterium der Auferstehung oder des Frühlingsbeginns ohne die Vermittlung durch den Gaumen zu ertragen. Die Viktorianer, so oft für ihre Strenge belächelt, waren in Wahrheit die Architekten unserer heutigen Überflussgesellschaft. Sie verstanden, dass man ein religiöses Fest am besten dadurch am Leben erhält, indem man es konsumierbar macht.
Es ist die Souveränität des Skeptikers, die uns heute fragen lässt: Was suchen wir eigentlich in dieser Hülle? Wir klopfen gegen die dünne Wand aus Kakao und Fett, hören das Echo der Leere und sind doch für einen Moment zufrieden. Die Frys gaben uns 1873 nicht nur eine Süßigkeit; sie gaben uns das Prototyp-Modell für das 21. Jahrhundert: Eine glänzende Fassade, ein süßer Versprechen, und in der Mitte – ein kunstvolles Nichts.
In diesem Sinne – Frohe Ostern!
Hochachtungsvoll,
Ihr


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