Es ist das Schreckgespenst der deutschen Wirtschaft, das in jeder Talkrunde und jedem Geschäftsbericht beschworen wird wie eine biblische Plage: der Fachkräftemangel. Man hört das händeringende Klagen der Vorstände, das Wehklagen der Handwerksmeister und das besorgte Raunen der Ministerien. Deutschland, so scheint es, geht die Kompetenz aus. Doch wer den Blick vom Logenplatz aus schärft, bemerkt schnell, dass wir es hier nicht nur mit einem demografischen Schicksal zu tun haben, sondern mit einer hausgemachten Realsatire.

Wir leben in einem Land, das die Effizienz so sehr liebt, dass es sie durch maximale Dokumentation zu Tode optimiert hat. Während wir händeringend nach klugen Köpfen und zupackenden Händen suchen, empfangen wir sie mit einem Sperrfeuer aus Stempeln, Anträgen und Zertifizierungsnachweisen. Der Fachkräftemangel ist in Wahrheit oft ein Fachbegriffsmangel: Wir suchen keine Menschen, wir suchen wandelnde DIN-Normen.

Man stelle sich die Szene vor: Ein hochqualifizierter Ingenieur oder ein leidenschaftlicher Pfleger aus dem Ausland möchte seine Kraft in den Dienst unseres Bruttoinlandsprodukts stellen. Doch bevor er auch nur einen Fuß auf den hiesigen Arbeitsmarkt setzen darf, muss er den digitalen und analogen Hindernisparcours der Anerkennungsverfahren überstehen. Wir behandeln Talente wie potenzielles Gefahrengut, das erst in einer jahrelangen Quarantäne aus Beglaubigungen neutralisiert werden muss.

Das Paradoxon ist perfekt: Die Unternehmen schreien nach Entlastung, doch der Apparat antwortet mit neuen Meldepflichten für die Suche nach Entlastung. Wir haben ein System erschaffen, in dem das Verwalten des Mangels produktiver erscheint als dessen Behebung. Es ist die Kapitulation der Vernunft vor dem Aktenzeichen.

Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Wir haben keinen Mangel an fähigen Menschen. Wir haben einen Mangel an Mut, dem Menschen mehr zu vertrauen als dem Formular. Solange wir den Wert einer Arbeitskraft nur an der korrekten Grammatik ihres Visumsantrags messen, werden wir weiterhin händeringend in einem leeren Raum stehen, während die Lösungen draußen vor der verschlossenen Tür warten – weil sie die falsche Farbe des Anmeldeformulars gewählt haben. Ein Tauschgeschäft, das uns teuer zu stehen kommt. Während wir warten, zieht die Welt an uns vorbei. Ohne Formular, aber mit Tempo.

Hochachtungsvoll,

Ihr

Lennox Cole