Akt I: Die Exposition – Die Idylle der sozialen Kontrolle
Ich stamme aus einer Welt, in der man ein „Guten Morgen“ noch wie eine Waffe trug – als Beweis, dass man nicht betrunken ist oder gerade etwas stiehlt. Im Dorf ist der Gruß die soziale Steuererklärung: „Ich bin da, ich erkenne dich an, und ja, ich habe gesehen, dass deine Hecke geschnitten werden müsste.“ Wir lebten in einem Biotop der permanenten Anerkennung. Ein Kopfnicken war das WLAN des ländlichen Raums. Man war vernetzt, ob man wollte oder nicht. Und dann? Dann kam der Umzug in die Stadt. Der Moment, in dem ich lernte, dass „Freundlichkeit“ hier als Symptom einer beginnenden Psychose gewertet wird.
Akt II: Die Steigerung – Das Antlitz der chronischen Galle
Ich trat hinaus auf den Asphalt und versuchte es mit meiner gelernten Höflichkeit. Ein fataler Fehler. In der Stadt ist ein freundliches Gesicht eine Provokation. Wir begegnen heute Menschen, deren Gesichtszüge so festgefahren sind, als hätten sie heute Morgen beim Frühstück statt Marmelade eine Zitrone direkt in die Halsschlagader injiziert bekommen. Es ist diese ganz spezielle deutsche Miene: Die „Verschüttete-Suppe-Optik“. Ein Blick, der signalisiert: „Kommen Sie mir nicht zu nahe, ich habe bereits genug Probleme mit meiner Nebenkostenabrechnung.“
Akt III: Der Höhepunkt – Die Geometrie des Ausweichens
Ich gehe mit meinem Hund. Einem Wesen, das jeden Hydranten mit mehr Begeisterung grüßt als der durchschnittliche Großstädter seinen Nachbarn. Wenn ich heute jemanden anlächle, sehe ich den Schreck in seinen Augen: „Will der Geld? Will der meine Unterschrift für die Rettung der sibirischen Beutelratte? Oder ist er einfach nur… irre?“ Man entwickelt in der Stadt eine faszinierende Nackenmuskulatur, die es erlaubt, im exakt richtigen Winkel am Gegenüber vorbeizuschauen – irgendwo zwischen dem eigenen Schuhband und der fernen Hoffnung auf einen pünktlichen Bus. Man schaut weg, als wäre Augenkontakt der direkte Weg zur gemeinsamen Familiengründung.
Akt IV: Das retardierende Moment – Die Verrohung als Lifestyle
Man könnte meinen, wir sparen uns die Energie für Wichtigeres. Aber wofür? Für das nächste Update unserer Kaffeemaschine? Von meinem Logenplatz aus sehe ich die tragische Komik dieser Verrohung. Wir sind die erste Zivilisation, die sich so sehr voneinander abschottet, dass ein einfaches „Hallo“ als Übergriff gewertet wird. Jeder ist der Regisseur seines eigenen kleinen Untergangs-Epos. Keiner guckt mehr nach links oder rechts – außer, um zu prüfen, ob der Lieferdienst-Fahrer endlich die Pizza bringt, die man bestellt hat, um bloß mit niemandem im Restaurant reden zu müssen.
Akt V: Die Katastrophe / Die Lösung – Der letzte Rufer im Walde
Was ist das Ende vom Lied? Ich grüße weiter. Aus purer Boshaftigkeit. Ich sehe es als sportliche Herausforderung, die verbissene Miene meines Gegenübers zu knacken. Es ist mein privates Kabarett auf dem Bürgersteig. Wenn mir jemand mit dem Gesicht einer missglückten Wurzelbehandlung entgegenkommt, setze ich mein strahlendstes Dorf-Grinsen auf. Nicht, weil ich so glücklich bin, sondern weil ich sehen will, wie das System in seinem Kopf kurzzeitig überhitzt. Wenn wir den Anstand verlieren, verlieren wir den Rest auch noch – aber zumindest können wir dabei über die Absurdität lachen, während wir uns gegenseitig anschweigen.
Hochachtungsvoll,
Ihr


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