Es ist eine faszinierende Form der kollektiven kognitiven Dissonanz. In den deutschen Wohnzimmern und an den digitalen Stammtischen herrscht Einigkeit: Die Infrastruktur bröckelt schneller als ein vertrockneter Zwieback, die Wirtschaft atmet schwer und die politische Gestaltungskraft wirkt wie eine Kerze im Durchzug. Die Beschwerde ist zum nationalen Kulturgut gereift, fundiert und – das muss man betonen – völlig berechtigt.
Doch dann tritt der Deutsche alle vier Jahre hinter den blickdichten Vorhang der Wahlkabine. In diesem Moment geschieht etwas Mythisches. Die berechtigte Wut über die Versäumnisse der letzten zwei Dekaden scheint an der Kante des Wahltisches zu verdunsten. Mit einer Mischung aus Gewohnheitsrecht und der tief sitzenden Angst vor dem Unbekannten landet das Kreuzchen wieder punktgenau dort, wo es schon seit der Einführung des Euro (und gefühlt davor) gelandet ist.
Es ist die Erwartung des Wunders durch die Wiederholung des Immergleichen. Man wählt die Architekten des Stillstands und wundert sich am Montagmorgen ernsthaft, warum die Baustelle vor der Tür immer noch nicht fertig ist. Es ist, als würde man jeden Tag denselben ungenießbaren Kaffee kochen und darauf hoffen, dass er morgen wie ein erstklassiger Espresso schmeckt – nur weil man die Tasse gewechselt hat.
Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einer Stabilität, die längst zur Starre geworden ist. Wir beschweren uns über den Zustand des Hauses, fürchten uns aber so sehr vor dem Umzug, dass wir lieber den Schimmel an den Wänden neu streichen, als das Fundament zu hinterfragen. Ein Augenzwinkern bleibt uns dabei nur mühsam erhalten: Wir sind wohl das einzige Volk, das sehenden Auges im Kreis läuft und sich darüber empört, dass die Landschaft so verdammt bekannt vorkommt.
Hochachtungsvoll,
Ihr


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