Es gehört zu den schmeichelhaftesten Lebenslügen unserer digitalen Moderne, dass der Zugang zu Information mit dem Besitz von Erkenntnis gleichzusetzen sei. Wir feiern die „Demokratisierung des Wissens“ und übersehen dabei geflissentlich, dass eine Bibliothek noch keinen Gelehrten macht – so wenig wie der Besitz eines Skalpells einen Chirurgen legitimiert.

Wir erleben heute eine seltsame Umkehrung der Verhältnisse: Früher galt Expertise als ein mühsam zu errichtendes Gebäude aus Studium und Erfahrung. Heute genügt oft ein stabiler Breitbandanschluss und die ungebremste Entschlossenheit, die eigene Intuition zum Gesetz zu erheben. Wir lassen zu, dass die Hierarchie des Wissens einer Beliebigkeit weicht, in der die fundierte Analyse einer Studie denselben Platz einnimmt wie das Bauchgefühl eines Hobby-Epidemiologen aus der Kommentarspalte.

Diese Entwicklung wird uns als Befreiung verkauft. Doch was wir tatsächlich beobachten, ist die Kapitulation vor der Komplexität. Da die Welt zu kompliziert geworden ist, erklären wir das Verstehen kurzerhand für elitär. Die Expertise ist zum Feindbild einer Gesellschaft geworden, die „Authentizität“ über Fakten stellt.

Ich bleibe dabei: Wenn jeder die Partitur schreibt, verliert das Orchester seinen Klang. Es entsteht ein Crescendo der Belanglosigkeit, in dem die leisere, abwägende Stimme des Fachmanns im Orkan der selbsternannten Experten untergeht. Wir haben das Handwerk der Validierung gegen die Geschwindigkeit der Behauptung eingetauscht.

Von meinem Logenplatz aus betrachte ich dieses Treiben mit jener Mischung aus Amüsement und Sorge, die man empfindet, wenn man sieht, wie Passagiere im Cockpit eines Flugzeugs die Steuerung übernehmen wollen, weil sie einmal ein Video über Aerodynamik gesehen haben. Es ist die Tragödie unserer Zeit: Wir sind informationell überfüttert, aber intellektuell unterernährt.

Die wahre Eleganz der Skepsis liegt für mich heute darin, sich einzugestehen, wo das eigene Wissen endet. Expertise ist kein Privileg, sondern eine Last der Verantwortung. Sie zu demokratisieren bedeutet im besten Fall Teilhabe – im schlechtesten Fall jedoch die Abschaffung der Wahrheit durch Mehrheitsbeschluss.

Hochachtungsvoll,

Ihr

Lennox Cole