Die Geometrie des Fußballs war schon immer bestechend simpel: Ein Ball, zwei Tore, zweiundzwanzig Akteure und ein Regelwerk, das zumindest die Illusion von Gleichheit vor dem Gesetz aufrechterhält. Doch wenn der Rasen zur Verlängerung des geopolitischen Parketts wird, verschieben sich die Bruchlinien. Die jüngste Episode aus dem globalen Sporttheater führt uns direkt nach Washington und in die klimatisierten Prunkräume der FIFA.

Es ist ein bemerkenswerter Vorgang: Donald Trump interveniert persönlich beim Weltfußballverband, um die Sperre des US-Nationalstürmers Folarin Balogun aufheben zu lassen. Man muss sich die Szenerie auf der Zunge zergehen lassen. Ein amerikanischer Präsident, ohnehin vollauf damit beschäftigt, die Weltordnung nach den Prinzipien einer New Yorker Immobilien-Auktion neu zu verhandeln, findet die Muße, sich dem Strafenkatalog eines Sportverbandes zu widmen. Und die FIFA? Gianni Infantino pariert den Vorstoß mit jenem elastischen Lächeln, das er sonst für autokratische Staatschefs auf Staatsbesuchen reserviert.

Hier offenbart sich eine wunderbare Paradoxie der Moderne. Jahrelang predigten die Sportfunktionäre das Dogma der „Autonomie des Sports“. Politik, so hieß es pathetisch von den Kanzeln der Verbände, habe im Stadion nichts verloren. Das Stadion sollte ein steriler Raum der reinen Meritokratie sein, ein Refugium, in dem nur Leistung und Fairplay über Sieg oder Niederlage entscheiden. Diese Erzählung war natürlich schon immer ein rührendes Märchen für die Tribünen, doch selten wurde sie so unverblümt pulverisiert wie im Fall Balogun.

Wenn das Oval Office zum sportlichen Schiedsrichtergericht mutiert, dann wird der Sport nicht bloß politisiert – er wird feudalisiert. Es geht hier nicht mehr um das Auslegen von Statuten oder das Abwägen von sportlicher Härte. Es geht um das Prinzip des Quod licet Iovi, non licet bovi – was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht gestattet. Die Botschaft an die restliche Sportwelt ist von erlesener Brutalität: Regeln sind verhandelbar, vorausgesetzt, der Absender des Protests verfügt über genügend strategisches Gewicht und das passende nukleare Arsenal im Hintergrund.

Die Demütigung der FIFA ist dabei nur die halbe Wahrheit. Viel faszinierender ist die elastische Anpassungsfähigkeit des Verbandes. Infantino und seine Entourage haben längst begriffen, dass im 21. Jahrhundert das Überleben eines globalen Sportmonopols nicht durch die strikte Einhaltung eigener Prinzipien gesichert wird, sondern durch die geschmeidige Unterwerfung unter die Realpolitik. Man biegt sich, damit man nicht bricht. Der Weltfußballverband geriert sich gerne als souveräner Staat, doch im Angesicht echter imperialer Macht schrumpft er augenblicklich zum willfährigen Event-Dienstleister.

Am Ende bleibt ein schaler Geschmack auf dem perfekt manikürten Grün zurück. Wenn der Ausgang von Sperren und die Nominierung von Spielern vom diplomatischen Verhandlungsgeschick der Supermächte abhängen, verkommt das Spiel endgültig zur Kulisse. Der Fan auf der Tribüne glaubt an das Drama des Augenblicks, an die Unbestreitbarkeit der roten Karte, an die Unbestechlichkeit der Pfeife. In Wahrheit jedoch wird das Drehbuch längst in den Vorzimmern der Macht geschrieben. Balogun wird spielen, die FIFA wird nicken, und der Sport hat ein weiteres Stück seiner ohnehin spärlichen Unschuld auf dem Altar der Geopolitik geopfert. Es ist ein glanzloser Sieg der Macht über das Regelwerk – und das traurigste Spektakel, das der Rasen derzeit zu bieten hat.

Hochachtungsvoll,

Ihr

Lennox Cole