Es ist die Ära der großen Befreiung – zumindest oberhalb der Grasnarbe. Wir haben das Zeitalter der Kategorien hinter uns gelassen. Wer wir sind, ist heute kein biologisches Schicksal mehr, sondern ein Akt der Willenserklärung. Das „Ich“ ist zum Bildhauer seiner selbst geworden, frei, die Konturen der eigenen Identität so flüssig zu gestalten, wie es das innere Empfinden verlangt. Eine gesellschaftliche Meisterleistung, sollte man meinen: Die totale Autonomie über das eigen Fleisch und Blut.

Doch kaum verlässt man die Sphäre der psychologischen Selbstverwirklichung und betritt den profanen Raum des Eigentums, wandelt sich die Welt vom Aquarell zur technischen Zeichnung.

Es ist eine bizarre Gleichzeitigkeit: Während der Staat uns die volle Souveränität über unsere intimsten Identitätsfragen zugesteht, enteignet er uns klammheimlich im Heizungskeller. Man könnte fast von einer „biopolitischen Arbeitsteilung“ sprechen. Dem Bürger wird die Freiheit geschenkt, sein Geschlecht im Pass zu ändern – ein kostengünstiges Zugeständnis an den Zeitgeist –, während ihm gleichzeitig die Entscheidungsgewalt über die energetische Hardware seines Lebens entzogen wird.

Dort, wo es um reale Stoffkreisläufe, um Investitionen und die physische Substanz des Wohnens geht, ist das Ende der Vielfalt erreicht. Hier regiert der technokratische Monismus. Man stelle sich die Ironie vor: Ein Mensch, der sich morgens für eine non-binäre Existenz entscheidet, wird abends vom Gesetzgeber gezwungen, eine binäre Entscheidung zwischen Wärmepumpe und Fernwärme zu treffen – wobei die erste Option meist alternativlos verordnet ist.

Wir erleben eine Gesellschaft, die im Ideellen maximal dezentral und im Materiellen maximal zentralistisch agiert. Das Subjekt darf fluide sein, das Objekt muss normiert werden. Die Freiheit der Selbstdefinition fungiert hierbei beinahe wie ein Ablenkungsmanöver: Während wir uns im bunten Konfetti der Identitäten verlieren, werden im Keller die Daumenschrauben der Verordnungen angezogen.

Man gewährt uns die Hoheit über das „Wer“, um uns die Entscheidung über das „Wie“ unseres Überlebens im Winter abzunehmen. Wer am Ende die Zeche zahlt, wenn die fluide Identität vor der staatlich verordneten Heizung zittert, bleibt eine Frage, die im aktuellen Diskurs lieber elegant umschifft wird.

Vielleicht ist der wahre Preis unserer neuen Freiheit die totale Unterwerfung unter die technische Richtlinie. Ein Tauschgeschäft, das wir erst dann vollends begreifen werden, wenn die erste Nebenkostenabrechnung im Briefkasten liegt – ganz gleich, welcher Name darauf steht.

Hochachtungsvoll,

Ihr

Lennox Cole